Kritischer Blick auf den Gesundheitsmarkt Schweiz

Immer häufiger stellt sich die Frage, ob die Menschen heute in der Schweiz medizinisch unter- oder überversorgt sind. Wenn man die Zahlen des BAG eingehend betrachtet und sich  vor Augen führt, welche neuen Technologien, schonenden medizinischen Eingriffe, verbesserten Medikamenten mit entsprechenden Kosten auf den Markt kommen, ist es schwierig nachvollziehbar, dass wir in den letzten 10 Jahren über 8‘000 Ärzte mehr benötigten. Zudem ist das Pflegepersonal noch wesentlich stärker gewachsen.

Zur Frage der Unter- oder Überversorgung müsste eine genaue Analyse zeigen, wo das Eine respektive das Andere stattfindet.

Wir haben in der Schweiz eine hohe  Spitaldichte im Vergleich zum angrenzenden Ausland. Schon heute fliesst jeder zehnte Franken ins Gesundheitswesen. Dank der guten Vermarktung ist der Gang zu einem Arzt in der Schweiz von der halben Welt aus möglich geworden. Das lastet einerseits unsere Spitzenmedizin aus, führt aber andererseits zu Engpässen bei der eigenen Bevölkerung, vor allem bei derjenigen die nur allgemein/grundversichert ist. Das Seilziehen um die Spitzenmedizin macht vor keiner Grenze halt. Andererseits gibt es auch einen Gesundheitstourismus in die Billigländer, wie zum Beispiel Carreisen nach Ungarn von  Zürich aus, welche wöchentlich auf dem Programm stehen. Dies erfolgt vor allem in der Zahnmedizin. Hier sind die Schweizer „Selbstzahler“ und achten daher vermehrt auf die Kosten.  

Die globalen Trends der Gesundheitssysteme stossen  bei der Nachfrage und der Finanzierung langsam an ihre Grenzen. Es sind fünf Faktoren, welche einem Globalisierungstrend zudienen:

  • Globalisierung
  • Konsumenten Kontrolle
  • Demographische Entwicklung
  • Zunahme von chronischen Krankheiten
  • Medizinisch-technischer Fortschritt.

 

Die Segmentierung und Spezialisierung findet wie folgt statt:

  • durch Premium-Therapieführer mit entsprechender Spezialisierung, und klar erkenntlichen Kernkompetenzen anstatt mit nur VIP-Services.
  • durch Standard-Segmente mit mangelnder Differenzierung über den  Preis oder den Mehrwert, quasi Medizin für jederman
  • oder aber dann auch durch einen wachsenden Anteil von Discount-Preisführer, welche durch den Preis und die Einfachheit sowie die Zugänglichkeit handeln, nach dem Motto: „gut genug und preiswert“.

Quelle: GDI

Der Patiententourismus wird  durch die EU in Brüssel speziell gefördert. Das Gesundheitswesen belastet in allen industrialisierten Gesellschaften das volkswirtschaftliche System übermässig, so dass dieses an ihre finanziellen Grenzen stösst. Daher stehen die Volkswirtschaften vor der Frage, soll man Gesundheitsleistungen einführen oder Erkrankte ausführen? Die Schweiz gilt als Hochpreisland in der Medizin und somit wird die Gewinnung von Medizinern im Moment noch häufig stattfinden können. Erst wenn sie in der Schweiz arbeiten merken die ausländischen Mediziner, dass damit noch nicht ein Anstieg der Kaufkraft einhergeht. In Tieflohnländern wandern nur Ärzte ein, die „im Ursprungsland“ noch weniger Einkommen erzielen.

 

Der Patiententourismus entlastet die Infrastruktur im Heimatland und kann unter Umständen zu geringeren Gestehungskosten führen, vor allem bei Behandlungen, für welche im eigenen Land lange Wartezeiten bestehen. Solche verursachen enorme Kosten bei Lohnausfall oder bei Chronifizierung zur Invalidität, was noch höhere Kosten generiert. Somit ist volkswirtschaftlich aus schweizerischer Sicht betrachtet eine Behandlung im Ausland günstiger, als die Inkaufnahme der massiv viel höheren Folgekosten im Inland.

 

Der Patiententourismus hat zudem klaren Importcharakter. In Thailand sind in einem Jahr mehr als 1,8 Millionen Patienten aus dem Ausland behandelt worden. Davon stammte der grösste Teil aus den USA. Weitere grosse Destinationen bezüglich Medizintourismus sind Indien, Malaysia, Philippinen, Nahost und die Emirates. Bei den Zahnärzten ist Ungarn eine gefragt Destination.

 

Nicht nur die Patienten sind reisewillig, sondern auch die Leistungserbringer. Viele Ärzte reisen regelmässig an ausländische Kliniken, um dort ihre Kernkompetenzen auszuleben und um mehr  operieren zu können.

 

Wenn wir hier von Qualität sprechen, meinen wir diejenige der medizinischen Leistung und nicht diejenige der Hotellerie oder der Vor- und Fürsorge des Leistungserbringers, auch gegenüber von Angehörigen.

 

Beachtet werden muss ausserdem, dass Krankheiten keine Grenzen kennen und vor keinem Zoll halt machen. Immer wieder erleben wir Pandemien, die Weltweit und in kürzester Zeit um sich greifen sowie situativ und punktuell grosse Kosten verursachen.

Im ganzen Gesundheitstourismus hat die Schweiz  auch grosse Chancen dank ihrer anerkannten und medizinisch-therapeutischen Leistungsangebote auf höchstem Niveau. Dazu tragen ebenfalls die Standorte der Pharma- und Medizin-technik-Unternehmen bei, welche Weltspitze sind. Auch das positive Image bezüglich Zuverlässigkeit, Sauberkeit, Sicherheit, und Umweltqualität sind Aspekte, die den Standort Schweiz diesbezüglich fördern. Per se hat die Schweiz schon immer internationale Beziehungen gepflegt, welche auch in diesem Bereich Synergiepotential mit sich bringen.

„Ob das hohe Lebensalter – welches in der Schweiz erreicht werden kann – auf das gute Gesundheitsklima zurückzuführen ist, oder ob dies der Spitzenposition bei den Behandlungserfolgen zu verdanken ist, oder die Verbindung von allem zusammen und den emotionalen Bezug zum Gastland Schweiz, lässt sich nicht sicher sagen“.

 

Zitat: Dr. Eric Scheidegger

Das eingefügte Slide 4 bezüglich Patientenfreizügigkeit und Patientenmanagement zeigt auf, wo/welche Vor- und Nachteile liegen. Die Rentabilität muss hoch sein oder die Fallzahl, um ökonomisch Leistungen zu erbringen. 

Da wo ein hohes Angebot besteht und  entsprechend viel genutzt wird, entstehen Kernkompetenzen, was für schwierige Eingriffe eine vertrauensbildende Basis für die Durchführung und Wahl des Standortes bildet.

Ob Therapien gemacht werden sowie wann und wo, sollen die Patienten möglichst selbständig entscheiden können. Prävention und Gesundheitsbildung Schweiz fördern diesbezüglich eine aktivere Rolle der Patienten und stärken so deren Mitspracherecht.

Die heute wesentlich mehr auf ihren eigenen Körper bezogenen Menschen achten auf dessen Signale und wollen rechtzeitig diagnostiziert und therapiert werden. Gebotene Chancen im Gesundheitswesen wollen vom Patienten wahrgenommen werden können.

Wenn wir hingegen auf eine Rationierung oder Alters-Rationierung hinsteuern, werden Grundrechte angetastet und dies gilt es zu vermeiden. Die Qualität ist nicht nur eine Frage des Angebotes, sondern auch der Wartezeiten. Ärzte, die mit langen Arbeitszeiten  (80 Stunden-Wochen) durch Übermüdung weniger Qualität bieten, können auf Dauer nicht überleben und schaden dem Gesundheitsstandort. Fehlende Ressourcen in der Pflege führen ebenfalls dazu, dass die Qualität gemindert wird. Ein weiteres Problem besteht darin, dass immer mehr Tests – die als Prävention gedacht sind – zu einer immer grösseren Anzahl Krankheiten führen werden. Diese Tests werden vermehrt nachgefragt, auch wenn die entsprechende Krankheit mit grösster Wahrscheinlichkeit beim Betroffenen nie eintreffen wird. Gefragt ist und bleibt Qualität vor der Quantität.

Bei seltenen Krankheiten und anerkannten Spezialisten nehmen die Patienten – je schwerer die Krankheit ist – auch grössere Reisewege auf sich.

Wir wünschen uns, dass das gute schweizerische Gesundheitssystem noch lange erhalten werden kann, finanzierbar bleibt und damit einen der wesentlichen Wirtschaftsfaktoren der Schweiz im positiven Sinne bleibt.

Karl Ehrenbaum

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